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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 18.10.2026 um 06.53 Uhr verfaßt.

Der Hohn der Rechtsradikalen über „verbundene Deckel“ ist unerschöpflich. („Der gewaltige bürokratische Apparat in Brüssel kommt auf immer neue abstruse Einfälle zum Zwecke seiner Existenzsicherung und Machterweiterung.“ Eine Nummer kleiner geht es nicht.) Sogar Tankverschlüsse werden zum Vergleich herangezogen, wo doch früher auch nicht lauter Deckel in der Landschaft herumlagen. Auf die Dummheit dieses Vergleichs brauche ich nicht einzugehen. - Es fehlt vielen Menschen leider am Zahlensinn (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1103#56832). Die meisten Unternehmen haben das Problem inzwischen zufriedenstellend gelöst. Das Pfand hat die Milliarden achtlos weggeworfener Flaschen reduziert, die verbundenen Deckel bleiben nun auch großenteils in der Kreislaufwirtschaft; besser als nichts ist es auf jeden Fall – wenn auch auf Kosten unserer „Freiheit“...


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 18.10.2026 um 06.31 Uhr verfaßt.

Man hat an nkritisiert, daß die Bedeutungsangaben den Benutzer oft im Kreis herumschicken. Auch ich habe angeführt, daß "Fest" durch "Feier" definiert wird und "Feier" durch Fest".
Das ist aber nicht unter allen Umständen ein Fehler. Der Benutzer, z. B. ein Ausländer, kann "Frau" kennen, aber nicht "Weib" - oder umgekehrt. (Das Beispiel stammt aus der Literatur.) Dann ist ihm selbst mit "zirkulären" Einträgen geholfen. Fehlerhaft ist in jedem Fall, wenn "Fest" durch "Fest" erklärt wird, wie es ebenfalls unterläuft.

Ich will sagen: Es gibt keine Bedeutungserklärung schlechthin, sondern immer nur für bestimmte Adressaten. Das verkennt die strukturalistische Merkmalanalyse. Sie sucht nach der kanonischen Dekomposition.

Bedeutungen sind keine Gegenstände, die man zerlegen kann - weder nach Art einer Torte (homogen) noch nach Art eines Fahrrads (heterogen).


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 18.10.2026 um 06.21 Uhr verfaßt.

Noch ein Kapitel Massenpsychologie.
Tödliche Panik bei einem Hindufest in Kalkutta. Man muß sich, wie gesagt, eher wundern, daß nicht öfter so etwas passiert. Es gab mal einen Vorfall bei der unvorstellbar überlaufenen Kumbh Mela, aber sonst? Wir haben erlebt, daß Panik überall möglich ist, in Theatern wie beim CDS. Die Veranstalter versuchen nach und nach, die Versammlungsorte so anzulegen, daß Ausgänge breit genug und jederzeit frei sind. Unerreichtes Vorbild ist das Kolosseum in Rom.

Hofstätter und andere haben kritisiert, daß die traditionelle Massenpsychologie (Le Bon usw.) im wesentlichen nur auf die Panik-Masse zutrifft, nicht aber die gewöhnliche Gruppendynamik erfaßt. Die Wähler des charismatischen Volksverführers sind ja nicht in Panik, nicht einmal im Sportpalast.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 18.10.2026 um 05.59 Uhr verfaßt.


Über Maggie Habermans „Confidence man“:
Why did they love him so much when he clearly cares only about what he can milk them for? Haberman’s book will be the definitive account of Trump’s character and how it was formed, a subject both obvious and elusive. But this also seems like a waste of her talents, this task of proving what can be seen by everyone except those determined not to have it proven to them. Haberman has spent half a decade with Trump occupying her entire field of vision. But that means she hasn’t been able to scrutinize the crowd standing behind her, looking on and cheering for him. This is the real mystery at the heart of Trump’s presidency, and one that has yet to be fully solved. (Laura Miller, Slate 6.10.22)
Das ist richtig, allerdings war das nicht Habermans Thema, und eine Lösung kann von ihr nicht erwartet werden. Auch bei uns sind ja nicht die rechtsradikalen Politiker das Problem, sondern die Menschen, die sie wählen. Auch Hitler war ein unbedeutender Wicht, erst im Zusammenspiel mit einer wachsenden Menge von Menschen wurde er „groß“. Man würde sich aber mit einer Charakterstudie des Mannes vergeblich abmühen, die Ungeheuerlichkeit der Nazi-Herrschaft zu begreifen.
Ich habe inzwischen viele tausend Seiten über Trump gelesen und ihn auch beobachtet: Er gibt nicht viel her. Das Geheimnis der Massenpsychologie (edler: der charismatischen Herrschaft) - vielleicht die wichtigste aller Fragen - ist so nicht zu lösen.


Theodor Ickler zu »Geschichte und Wahrheit«
Dieser Kommentar wurde am 18.10.2026 um 05.36 Uhr verfaßt.

Ein „Roman gegen die Gleichgültigkeit“ hat den Deutschen Buchpreis erhalten. Ich werde nie verstehen, wie man erfundene Geschichten so sehr ins falsche Genre verschieben kann, um sie dann wichtig zu nehmen und Tag für Tag in den Feuilletons zu besprechen. Wir haben das Problem am Beispiel Kehlmann besprochen.
Gestern las ich, daß Juli Zeh sich eine solche Geschichte ausgedacht hat und eine sogenannte Literaturkritikerin (was für ein elender Beruf) sich bemüht, sie als Beitrag zur feministischen Diskussion usw. ernst zu nehmen.
Herfried Münkler legt in der SZ wortreich dar, daß es in einer Demokratie auf die politische Bildung der Bürger ankomme, damit sie nicht Demagogen zum Opfer fallen - wenn denn die Stimmen schon gezählt und nicht gewogen werden. Das haben die Alten auch schon gedacht, sind aber eher zu einer pessimistischen Ansicht gelangt. Tatsächlich hat sich immer wieder gezeigt, daß Gebildete ebenso anfällig sind wie das gemeine Volk; vielleicht noch anfälliger, weil sie im Studium die eloquente Rabulistik gelernt haben, mit der sie ihre primitiven Ressentiments vor sich selbst rechtfertigen können. Aber darauf will ich nicht schon wieder eingehen, sondern nur erwähnen, daß Münkler die attische Tragödie als Teil der politischen Erziehung der (freien männlichen) Athener versteht. Das könnte auf eine sehr komplizierte Art stimmen.
Bei uns stammt die Allgemeinbildung hauptsächlich aus dem Fernsehen und ist auch danach.


Manfred Riemer zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 17.10.2026 um 19.40 Uhr verfaßt.

zur Schaltsekunde:
Aufgeschoben ist nicht abgeschafft.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 17.10.2026 um 17.42 Uhr verfaßt.

Aktuell wie nie: Umberto Ecos Satire „Hinrichtung live, zum Abendessen“ (1993)


Wolfram Metz zu »Delirium«
Dieser Kommentar wurde am 17.10.2026 um 09.34 Uhr verfaßt.

Aus einem Interview des SPIEGEL mit der Familienforscherin Sabine Walper (https://www.spiegel.de/familie/bindungsorientierte-erziehung-diese-intensive-elternschaft-schadet-den-erwachsenen-a-de37c4a9-f4b2-4ee0-89fb-832f768bdd2b):

Walper: Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat sich gerade stark gemacht für die sogenannte Selbstregulationskompetenz. Sperriger Begriff, ich weiß. Wenn jemandem ein besserer einfällt, vergeben wir einen Preis.
SPIEGEL: Was soll das sein?
Walper: Bei einem Baby würde es bedeuten, dass es sich beruhigen lässt und gelegentlich selbst beruhigt, bei einem Kita-Kind, dass es auf eine Belohnung eine Weile warten kann. Je älter sie werden, desto fordernder darf die Regulationsaufgabe sein. Schulkinder müssen Mathe lernen, obwohl es mühsam ist, oder die Spülmaschine ausräumen, weil sie es der Mama vorher versprochen haben. [...]

Wie wäre es mit »Disziplin« oder »Selbstbeherrschung«?

Eigentlich kann ich ihren Äußerungen gut folgen, aber sobald sie in den Fachjargon wechselt, frage ich mich, ob das überhaupt sein muß. So spricht sie auch von »konflikthaften Beziehungskonstellationen«. Gibt es einen Unterschied zwischen Beziehungskonstellationen und Beziehungen? Unter gespannten Beziehungen kann ich mir sofort etwas vorstellen, bei konfliktbehafteten Beziehungskonstellationen muß ich erst kurz nachdenken, was mit den Konstellationen gemeint sein könnte. Vielleicht soll damit hier ausgedrückt werden, daß es sich um verschiedene Beziehungen innerhalb der Familie handelt, also nicht nur die zwischen den Eltern, sondern auch die zwischen den Kindern und den Eltern, zwischen den Geschwistern, zwischen Tochter und Mutter, Sohn und Vater usw. Aber steckt das alles nicht schon in »Beziehungen«? Daß zwischenmenschliche Beziehungen kompliziert sind und es da alle möglichen Konstellationen gibt, wissen die Leser doch.

Viele von uns, auch ich, formulieren manchmal unnötig kompliziert. Es gehört schon eine gute Portion Selbstregulationskompetenz dazu, das abzustellen.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 17.10.2026 um 07.01 Uhr verfaßt.

„Aus der Schaltsekunde...“ Nanu, was wird denn „aus der Schaltsekunde“? Ach so, es geht um das Aus der Schaltsekunde. – Ausgewohnt wie wir sind, nehmen wir auch das Aus vom Verbrenner-Aus nicht so tragisch. Man braucht den Verbrenner nicht zu verbieten, es ist sowieso aus mit ihm. Das regeln der Markt und China. Nur unsere rechten Maschinenstürmer reden der deutschen Autoindustrie ein, dem Verbrenner gehöre die Zukunft (ebenso den Kernkraftwerken...), und treiben sie damit in den Ruin.


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 16.10.2026 um 18.07 Uhr verfaßt.

Alle Rentenfinanzierungskunststücke (Frühstart, Kapitaldeckung) ändern nichts daran, daß auch in Zukunft der gesamte Sozialaufwand von der jeweils erwerbstätigen Bevölkerung finanziert werden muß (Mackenroth-Theorem). Man kann noch so viel angespart haben: im Alter müssen genügend Menschen da sein, um das Vermögen wieder zu entsparen, d. h. einen (schnell wachsenden) Teil des Ertrags ihrer Arbeit für andere herzugeben. Das ist bei unseren Geburtenraten nicht zu erwarten. Ich kann nicht erkennen, daß darüber gesprochen wird. Ein Problem, für das man keine Lösung hat, wird totgeschwiegen.

Vgl. https://www.bpb.de/themen/soziale-lage/rentenpolitik/292108/kapitalmarktfundierung-und-demografie/ und viele andere Texte, die zur Aufklärung der Renten-Illusion beitragen.

Übrigens kann in 60 Jahren viel Wasser die Spree hinunterfließen. Oder man könnte zwei Kinder, vier Enkel und acht Urenkel aufziehen, während das Geld immer weniger wird.


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 16.10.2026 um 08.57 Uhr verfaßt.

Daß der deutsche Staat uns habgierig abkassiert und nichts dafür bietet, halte ich für stark übertrieben. Außer der Bahn funktioniert eigentlich alles ziemlich gut. Noch nie ist der Strom ausgefallen, das Wasser aus der Leitung kann man trinken. Wer mal im Ausland war, weiß das zu schätzen. Aber es geht ja darum, Deutschland in Grund und Boden zu reden. Der Liter Cola soll zwei statt einen Euro kosten! Auch Gewinne aus Gold-Anlagen sollen besteuert werden! Da hört sich doch alles auf! Der Staatsterror geht aber noch weiter:
„Die Bahn verbietet uns das Bier.“ (Tichy 15.10.26)
Und jetzt sollen auch noch die Zigaretten teurer werden!


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 16.10.2026 um 08.51 Uhr verfaßt.

„Der Staat kassiert Bürger genüsslich ab“ (t-online.de über die Tabaksteuer)
Wieso „genüsslich“? Ist Klingbeil ein Sadist? Ein Wortspiel mit dem Tabakgenuß ist wohl nicht beabsichtigt. Dort hat man auch erkannt, daß die Tabaksteuer vor allem Geringverdiener trifft. Man könnte auch sagen: Statistisch ist das Zigarettenrauchen eine Unterschichtgewohnheit geworden. Es werden noch weitere Scheinargumente aufgefahren (Schwarzmarkt usw.).
In Deutschland sind Zigaretten übrigens billiger als in Frankreich, England oder Irland (wo sie doppelt so viel kosten, ebenso Norwegen) und erst recht in Australien und Neuseeland. Angeprangert wird aber Deutschland, weil das gut ankommt.


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